Es ist einer dieser Momente, die zeigen, wie nah Erfolg und Abschied im Profisport beieinanderliegen. Marie Steffen, Kapitänin, Kreisläuferin, Eigengewächs – und eines der Gesichter des VfL Oldenburg – wird den Verein zur kommenden Saison verlassen. Ein ausländischer Klub hat die in ihrem Vertrag verankerte Ausstiegsklausel gezogen und ermöglicht der 24-Jährigen damit den Schritt ins Ausland. Für den VfL ist dieser Abschied weit mehr als ein gewöhnlicher Transfer.
„Marie kam bereits im Januar auf uns zu und hat offen angesprochen, dass es Interesse aus dem Ausland geben könnte“, erklärt Geschäftsführer Andreas Lampe. Seitdem sei man in einem sehr engen und vertrauensvollen Austausch mit der Spielerin und ihrem Berater gewesen. Eine Situation, die Zeit brauchte – und eine große Bedeutung in der Huntestadt hat. Denn Marie Steffen ist nicht irgendeine Spielerin. Sie ist in Oldenburg groß geworden, sportlich wie menschlich. Vom Mini-Handball bis zur Kapitänin der Bundesligamannschaft, vom VfL-Trikot bis zur Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft mit der deutschen Nationalmannschaft im vergangenen Dezember – ihr Weg ist eng eigentlich ausnahmslos mit dem VfL Oldenburg verwoben.
„Auf der einen Seite ist es für uns ein sportlicher und menschlicher Verlust, mit dem wir erst einmal umgehen müssen“, sagt Lampe offen. „Auf der anderen Seite überwiegt bei mir auch die Freude. Eine Spielerin von uns bekommt die Chance, im Ausland Profihandballerin zu werden, sich voll auf ihren Sport zu konzentrieren und im Hinblick auf die Nationalmannschaft vielleicht noch einen größeren Schritt zu machen.“ Stolz und Wehmut liegen somit dicht beieinander. Lampe kennt Steffen seit ihren Jugendjahren, hat sie selbst trainiert. „Das ist schon ein extrem tolles Gefühl, wenn man sieht, dass die nächste Jugendspielerin von uns den Schritt in Richtung internationales Top-Niveau macht“, sagt er. „Gleichzeitig ist klar: Für uns ist das ein ziemliches Ding.“
Denn mit Steffen verliert der VfL nicht nur eine Leistungsträgerin im Angriff und im Mittelblock der Defensive, sondern auch eine Führungsspielerin, eine Identifikationsfigur – jemand, der den Verein verkörpert hat wie nur wenige andere. „Natürlich stehen wir jetzt vor einer neuen Herausforderung in der Kaderplanung“, so Lampe. Das Vertrauen in die sportliche Leitung sei dabei ungebrochen: „Ariane Pfundstein genießt dabei unser vollstes Vertrauen, diese Aufgabe in den kommenden Jahren gut zu lösen.“ Dass Ausstiegsklauseln genau für solche Karriereschritte existieren, gehört zum Profisport. „So ist das Geschäft. Dafür gibt es diese Klauseln – damit man sie nutzen kann. Das haben wir auch in anderen Fällen getan, das gehört einfach dazu“, ordnet Lampe ein.
Bis zu ihrem Abschied bleibt Marie Steffen jedoch VfL-Spielerin – und Kapitänin. „Wir freuen uns auf die nächsten Monate und auf die letzten Spiele von Marie in unserem Trikot“, betont Lampe. „Und wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wünschen wir ihr von Herzen, dass sie dort gut ankommt, sich schnell einlebt und ihren Weg weitergeht.“ Der VfL Oldenburg verliert eine Kapitänin, er verliert ein Eigengewächs. Und zugleich gewinnt er die Gewissheit, wieder einmal eine Spielerin auf den Weg ins internationale Spitzenniveau begleitet zu haben.
